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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Gedanken zum 78. Jahrestag der Pogromnacht

Selig Scheinfeld, Foto: Archiv U. ZocherDa ist er wieder, dieser 9. November - ein Tag, der - je nach Jahreszahl - zur Freude oder zum Innehalten anregt. Neben den Freuden eines 9. November 1989 (der Tag des Mauerfalls) wirft doch immer noch der 9. November 1938 seinen langen, traurigen Schatten. Wir nutzen diesen Tag, wie auch den 27. Januar, um an das millionenfache Leid, den Schmerz und die Trauer zu erinnern, führen uns aber auch vor Augen, dass eine solch menschenverachtende Grausamkeit von unserer Heimat ausging, vom „Land der Dichter und Denker“. Manch einen lassen die Ereignisse aber auch mit einer gewissen Ratlosigkeit, Scham oder Verärgerung zurück: Ratlosigkeit wegen einer Frage, auf die man so recht keine Antwort finden will: Wie konnte es so weit kommen? Scham wegen dem millionenfachen Schweigen und der Unmenschlichkeit. Verärgerung steigt auf wegen des Wegsehens, des Gewährenlassens. Nicht vergessen werden darf aber auch, dass neben dem Schweigen und dem Wegsehen auch viele Menschen im In- und Ausland lautstark protestierten, Menschen aufnahmen oder ihr eigenes Leben für ihre Überzeugungen aufs Spiel setzten.

Das Gedenken an die Pogromnacht von 1938 ist zum einen ein Tag des Erinnerns und der Mahnung. Wir müssen uns vor Augen führen, dass die Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 nicht von heute auf morgen vom Himmel fielen, vielmehr war es eine jener skrupellosen Grenzüberschreitungen, die das nationalsozialistische Terrorregime nicht zuletzt deswegen wagen konnte, da die Opposition im Lande nahezu verstummt war (oder zum Stummsein verdammt) und ein Großteil des In- und Auslands die nationalsozialistische Regierung zu lange gewähren ließ.

Vor 80 Jahren schien es fast so, als sei nach den ersten weitreichenden Diskriminierungsmaßnahmen, wie den umfassenden Berufsverboten und Gewerbeeinschränkungen oder den berüchtigten Nürnberger Gesetzen, wieder etwas Ruhe eingekehrt. Es war eine trügerische Ruhe und auch nur eine oberflächliche. Es war das Olympiajahr 1936 und das nationalsozialistische Regime bemühte sich, die eigene Brutalität zu bemänteln. Hatten mehrere Länder Initiativen zum Boykott der 1931 an Deutschland vergebenen Olympischen Spiele aufgerufen, da die Lebenswirklichkeit in Deutschland mit den Grundprinzipien der Olympischen Spiele nicht in Einklang zu bringen waren, nach einer bereits 1934 abgegebenen Erklärung, man würde die olympischen Regeln von deutscher Seite aus akzeptieren, bröckelte die Front der Gegner.

Für Hitler und sein Regime waren die Olympischen Spiele eine besondere Möglichkeit, sich positiv auf der Weltbühne zu behaupten und so steckte man einige Mühen darin, Winter- und Sommerspiele möglichst störungsfrei und gespielt tolerant durchzuführen.

Die Worte Heinrich Manns, der aus Deutschland emigriert war, blieben im Ergebnis also ungehört. Zur Verteidigung der olympischen Idee sagte er Mitte 1936 in Paris:

"Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren?".

Die Anzahl der Boykottwilligen war nach wie vor hoch, dennoch reichte ihr Einfluss nicht aus, die Spiele zu verhindern. Das nationalsozialistische Regime rief die Bevölkerung auf, sich zuvorkommend gegenüber Gästen zu verhalten, das Hetzblatt „Der Stürmer“ verschwand für die Zeit der Spiele aus dem öffentlichen Verkauf und Verbots- und Boykottschilder waren insbesondere in Berlin kaum mehr zu finden. Das Deutsche Olympische Komitee erklärte gar, dass die deutschen Juden an den Spielen teilnehmen könnten – wohl wissend, dass aufgrund des schon mehrjährigen Ausschlusses aus Trainings- und Wettkampfbetrieb die Qualifikationsnormen nicht erreicht werden konnten.

Über Deutschland breitete sich eine trügerische Ruhe aus. Vermeintlich legte das Regime eine Pause ein in der fortwährenden Ausgrenzung und Entdemokratisierung – doch all das war nur Fassade, all das galt nur für den flüchtigen Blick auf Deutschland. Denn nicht zu vergessen ist, dass zur Zeit der Olympischen Spiele bereits zig Menschen in Konzentrationslagern saßen, unweit vom Austragungsort der Olympischen Spiele ein neues und großes Lager – Sachsenhausen – errichtet wurde, Sinti und Roma inhaftiert und außerhalb Berlins interniert wurden oder Hitlers Regime in genau dieser Zeit über Truppen- und Rüstungslieferungen in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff.

Und selbst in Altenburg war die Aussetzung von Verfolgungsmaßnahmen nur vorgetäuscht. So verfolgte man Selig Scheinfeld, der auch den Namen Siegmund Schönfeld nutzte, wegen des Vorwurfs der „Rassenschande“. Der aus Lodz stammende Jude lebte seit 1920 in Altenburg und betrieb mit seiner christlichen Lebenspartnerin einen kleinen Kiosk am Kleinen Teich. Allein schon die bloße Beziehung der beiden Altenburger war den Behörden ein Dorn im Auge, aus der Beziehung stammte aber auch ein Kind, das nach den „Nürnberger Gesetzen“ als „Halbjude“ galt.

Selig Scheinfeld wurde 1936 nach einer Denunziation wegen „Rassenschande“ angeklagt und vor das Altenburger Landgericht geladen. Erstaunlicherweise – vielleicht auch doch vor dem Hintergrund des verordneten Zurückhaltens – endete das Verfahren zunächst mit einem Freispruch. Doch die Staatsanwaltschaft legte Revision gegen das Urteil ein und das Reichsgericht hob es im Februar 1937 auf. Im Juni 1937 wurde Selig Scheinfeld der „Rassenschande“ für schuldig gesprochen, kam Ende August in die Haftanstalt Ichtershausen und wurde nach Verbüßung seiner Haftstrafe weiter in „Schutzhaft“ behalten. Im Mai 1938 wurde er in das Konzentrationslager Dachau überführt. Ende September 1938 kam Selig Scheinfeld nach Buchenwald und konnte das Lager erst im Juli 1939 verlassen – und auch nur mit der Zusicherung, unverzüglich Deutschland zu verlassen. Der Fall von Selig Scheinfeld zeigt, dass die Pogromnacht von 1938 nicht den Beginn der Judenverfolgung markiert, wohl aber eine deutliche Grenzüberschreitung.

Erinnern wir uns nochmals kurz an das Geschehene: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Tausende Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnhäuser in Brand gesetzt sowie jüdische Mitbürger gedemütigt. Allein im Zeitraum vom 7. bis zum 13. November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Tod getrieben, ab dem 10. November rund 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert. Was heute unvorstellbar unmenschlich erscheint, war damals rechtmäßig, geplant und mit Kalkül vollzogen. Die Demütigung von Juden, die Einkerkerung von Menschen, die nicht ins Anschauungsbild passten, ihre Beleidigung und Unterdrückung waren gang und gäbe. Für uns, die nachfolgenden Generationen, ist das unfassbar. Doch die Zeitzeugen, Lehrbücher, Dokumentationen oder Publikationen führen uns das Unfassbare vor Augen.

Aber es gibt die Zeitzeugen, es gibt Lehrbücher, unzählige Dokumentationen und Publikationen. Es gilt, sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen, sie aufzuarbeiten.In Altenburg gibt es in den letzten Jahren verschiedene Schul- oder Forschungsprojekte, die sich mit dem Leben und Leiden in der NS-Zeit auseinandersetzen. Es ist unverzichtbar, dass wir neben dem allgemeinen historischen Kontext auch stets unsere eigene Stadt- und Regionalgeschichte vor Augen haben. Beschäftigen sich Schüler mit dem Tagebuch der Anne Frank, so könnte es genauso gut ein Tagebuch von Lore Levy oder Olaf Strassmann sein. Auf vielen Ebenen lassen sich die bekannten und bewegenden Geschichten auf die lokale Ebene holen und sind dann meist noch emotionaler, da jeder Ort vertraut ist und man von einer abstrakten Sicht in eine ganz persönliche wechselt. Genau das ist auch der Ansatz meiner Forschungsarbeit: Die Altenburger Anne Franks und ihre Geschichten öffnen uns einen lokalen Blick auf Ereignisse, die quer über unser Land geschahen. Jedes Pogromnachtgedenken, jeder Shoah-Gedenktag, jede Veranstaltung zur Erinnerung an jüdisches Leben oder auch die Erinnerung an andere Opfergruppen - es kann keine Aktion zu viel sein. Auch wenn bedauerlicherweise die Anzahl derer, die sich dem alljährlichen Pogromnachtgedenken anschließen, variiert und doch auf einem konstant niedrigen Niveau bewegt: Diese Veranstaltungen sind wichtig.