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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: Altenburger Juden in der Auschwitzer Mordfabrik

Auschwitz – wie kaum ein anderer Begriff steht dieser Name für die massenhafte Ermordung europäischer Juden durch die Nationalsozialisten. Heute vor 70 Jahren wurde der Lagerkomplex Auschwitz von den heranrückenden Truppen der Roten Armee befreit. Zuvor hatten die Nationalsozialisten noch mehrere Zehntausend Häftlinge in andere Lager evakuiert oder auf Todesmärsche geschickt. Unter den allein in Auschwitz über eine Million ermordeten Menschen waren auch nicht wenige Juden, die zuvor in Altenburg gelebt haben. Von zahlreichen jüdischen Einwohnern verlieren sich die Spuren im Osten, so dass zu den nachgewiesenermaßen in Auschwitz ermordeten Altenburger Juden sicher noch eine Dunkelziffer zu berücksichtigen ist.

Der 70. Jahrestag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz, der seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und seit 2005 Internationaler Tag des Gedenken an die Opfer des Holocaust ist, soll als Anlass für die Erinnerung an einige Altenburger Schicksale dienen, die nachweislich mit dem Schreckensort Auschwitz verbunden sind.

Julius Cohn
Der 1896 geborene Julius Cohn ist in Altenburg erstmals im Jahr 1932 nachzuweisen. Unter der Anschrift Paditzer Straße 5 handelte er mit Textilwaren. Da schon die Adressbücher von 1929 und 1931 einen „Julius Kohn“ unter der Anschrift nennen, darf angenommen werden, dass sich der Kaufmann schon ab etwa 1928 in Altenburg aufhielt. Im Zuge der Pogromnacht wurde Julius Cohn erst im Polizeigefängnis am Markt interniert und am 12. November 1928 nach Buchenwald verschleppt. Das Konzentrationslager verließ er am 9. Dezember 1938 wieder. Es darf angenommen werden, dass Julius Cohn kurz nach seiner Freilassung nach Belgien emigrierte. Nachgewiesen ist, dass Julius Cohn im Mai 1940 im Internierungslager St. Cyprien an der französischen Mittelmeerküste interniert war und am 10. August 1942 über das Sammellager Drancy (bei Paris) nach Auschwitz deportiert wurde und wohl im Kommando Golleschau in den dortigen Steinbrüchen bzw. dem Zementwerk Zwangsarbeit leisten musste. Eine letzte Spur Julius Cohns findet sich am 25. Februar 1943. An diesem Tag ist eine Operation in der Chirurgischen Abteilung des Häftlingskrankenbaus von Auschwitz nachgewiesen. Danach verlieren sich seine Spuren. Es darf angenommen werden, dass auch Julius Cohn Opfer des Holocaust wurde.

Kurt Dannemann
stolpersteine kreuz14Kurt Dannemann, der 1905 in Berlin das Licht der Welt erblickte, blieb – anders als sein Vater Nathan – von den Schrecken der Pogromnacht verschont. Nachdem der Vater den Schrecken der KZ-Haft in Buchenwald nur wenige Tage nach der Entlassung in der Wohnung der Familie erlegen war, führten dessen Witwe und auch Sohn Kurt das bekannte Schuh-Haus Dannemann in der Sporenstraße weiter. Mit allen Mitteln versuchte die Familie, die drohende „Arisierung“ zu verhindern, was aber nicht gelang. Wegen seiner Liebesbeziehung zu einer „Arierin“ machte sich Kurt Dannemann der „Rassenschande“ schuldig und wurde am 17. April 1942 als politischer Häftling im Konzentrationslager Buchenwald interniert und am 17. Oktober 1942 von dort aus nach Auschwitz verschleppt. Am 17. November 1942 wurde Kurt Dannemann in Auschwitz ermordet. An Kurt Dannemann erinnert vor dem Wohnhaus der Familie Kreuzstraße 14 (damals Hausnummer 26) ein „Stolperstein“.

Isidor Dressler
Der Kaufmann Isidor Dressler, der etwa um 1930 nach Altenburg kam und im Haus Frauengasse 4 lebte, flüchtete offensichtlich bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Frankreich. Er lebte in Paris und muss wohl auch zeitweise im französischen Militär Dienst getan haben. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht und der einsetzenden Judenverfolgung wurde Isidor Dressler im Durchgangslager Pithiviers (südlich von Paris) interniert. Am 17. Juli 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert. Isidor Dresslers Leben endete am 3. September 1942.

stolpersteine zeitzerstr21Bernhard und Sophie Freilich
Der 1887 geborene Kaufmann Bernhard Freilich kam erstmals 1909 mit seiner Familie nach Altenburg. Seine spätere Ehefrau Sophie, eine geborene Gelobter, war mit ihrer Familie ein Jahr zuvor hierher gezogen. Von 1910 bis 1912 lebte Bernhard Freilich in Chemnitz und musste später zum Kriegseinsatz. Das Ehepaar Freilich hatte drei Kinder (Felix, Sala und Max), die in den Jahren 1920, 1921 und 1924 geboren wurden. Während die drei Kinder 1936 bzw. 1939 – gerade noch rechtzeitig – aus Deutschland flüchten konnten, blieben die Eltern in Altenburg. Die ungarische Staatsangehörigkeit bewahrte sie noch bis 1943 vor einer Deportation, aber auch das Ehepaar wurde schließlich der NS-Todesmaschinerie überstellt. Am 27. August 1943 erhielt Sohn Felix die letzte Nachricht seiner Eltern. Sophie Freilich kam 1944 in Auschwitz um, Bernhard Freilich war von der Evakuierung des Konzentrationslagers Auschwitz betroffen und erreichte am 28. Januar 1945 das Konzentrationslager Dachau. Nur wenige Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch die US-amerikanischen Truppen verstarb Bernhard Freilich am 2. April 1945 an Entkräftung. An das Ehepaar Freilich erinnern an ihrem langjährigen Wohnhaus Zeitzer Straße 21 zwei „Stolpersteine“.

stolperstein baderei10Arnold Kohn
Arnold Kohn, der 1880 in Pressburg (Bratislava) geboren wurde, kam mit seiner Familie im Jahr 1910 nach Altenburg. Arnold Kohn war geschäftlich sehr rege und betrieb zeitweise gleich an mehreren Stellen im Stadtgebiet Verkaufseinrichtungen. Als wohl eines der ersten Opfer des Nationalsozialismus ist Arnold Kohn schon deshalb zu bezeichnen, da er schon 1933 aus dem Deutschen Reich ausgewiesen wurde. Die Familie zog über Wien nach Moson (Ungarn). Gemeinsam mit seinen zwei Töchtern Elfriede und Susanne wurde Arnold Kohn Ende Juni 1944 nach Auschwitz deportiert. Während beide Töchter durch Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie ihr Leben – trotz eines harten Leidenswegs – retten konnten, wurde Arnold Kohn in den berüchtigten Gaskammern ermordet. Sein Todestag wird mit dem 15. Juli 1944 angegeben.

Siegfried Kornmehl
Siegfried Kornmehl wurde 1914 als drittes von vier Kindern der Familie in Altenburg geboren. Wohl schon im Zusammenhang mit der Aufnahme einer Ausbildung zog Siegfried Kornmehl aus Altenburg fort, wahrscheinlich in den Raum Rostock. Zumindest im Jahr 1939 ist er in Rostock nachzuweisen. Er hat hier als Laborant gearbeitet. Wegen "Rassenschande" wurde er am 8. September 1939 vom Rostocker Landgericht zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Er war bis einschließlich zum 26. September 1942 im Zuchthaus und Strafgefängnis Dreibergen-Bützow (zwischen Rostock und Schwerin) interniert und musste Zwangsarbeit im Konzentrationslager Neuengamme leisten. Siegfried Kornmehl wurde nach Auschwitz deportiert. Am 12. November 1942 wurde er im dortigen Häftlingskrankenbau eingeliefert, wo er tags darauf verstarb.

stolperst sporen3Levy, Albert und Familie
Der weit über die Stadtgrenzen Altenburgs hinaus beachtete Kaufmann Albert Levy kam im Jahr 1912 nach Altenburg, um hier die ausgeschriebene Stelle des Geschäftsführers im Kaufhaus M. & S. Cohn anzutreten. Schnell entwickelte sich neben der beruflichen Verbindung zu Sally Bucky auch eine persönliche Verbindung beider Kaufleute: Albert Levy ehelichte 1914 die Tochter von Sally Bucky und seiner Frau Marianne, eine der Namensgeberinnen des Kaufhauses. Franziska und Albert Levy bekamen in den Jahren 1915 bis 1923 insgesamt fünf Kinder. Insbesondere wegen des sozialen und kulturellen Engagements war die Großfamilie Cohn-Bucky-Levy schnell zur Zielscheibe der Nationalsozialisten geworden. War der "Judenboykott" vom 1. April 1933 noch von wenig Erfolg gekrönt, zwang man die Familie 1938 zum Verkauf des erfolgreichen Unternehmens. lorelevy

Im Zuge der Pogromnacht wurde Albert Levy früh morgens aus dem Bett geholt und schwer misshandelt. Gemeinsam mit dem künftigen Schwiegersohn und eventuell auch mit Schwiegervater Sally Bucky wurde Albert Levy zum Markt getrieben, später im Polizeigefängnis interniert und am 12. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Am 18. November 1938 konnte Albert Levy das Konzentrationslager verlassen – nachdem er sein herrschaftliches Haus dem Deutschen Reich "geschenkt" hatte. Die Familie plante ohnehin renatelevybereits die Emigration und schon Ende November 1938 war Albert Levy in den Niederlanden wieder mit seiner Ehefrau Franziska und den Töchtern Lore und Renate vereint. Die drei anderen Kinder waren bereits vorher nach Südafrika geflüchtet. Die geplante Flucht der gesamten Familie in die USA indes gelang nicht mehr.

Die Familie wurde im letzten Wohnort Amsterdam aufgegriffen und im Sammellager Westerbork interniert. Am 7. September 1943 wurden Albert und Franziska Levy sowie ihre beiden Töchter Lore und Renate nach Auschwitz deportiert. Hier wurden alle vier am 10. September 1943 bzw. 30. November 1943 ermordet.

Benjamin Liebermann
Benjamin „Benno“ Liebermann kam 1916 in Lodz zur Welt und lebte seit 1920 mit seiner Familie in Altenburg. Als „lästiger Ausländer“ wurde Benjamin Liebermann am 31. Januar 1939 gemeinsam mit seiner Mutter Paula und Isaak Rotenberg nach Polen abgeschoben. Sie begaben sich nach Lodz, wo sie später auch im Ghetto leben mussten. Benjamin Liebermann wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und gelangte am 1. September 1944 in das Konzentrationslager Dachau, wo sein Leben am 6. November 1944 endete.

markt26 miKurt Löwenstamm
Kurt Löwenstamm, 1893 in Meißen geboren, unterhielt ab 1931 ein Schuhgeschäft in der Burgstraße 14 und später im Haus Markt 26. Er lebte offenbar nur zeitweilig in Altenburg. Im Zuge der Pogromnacht wurde der Kaufmann mit anderen Leidengenossen misshandelt, mit roter Farbe beschmiert und schließlich im Polizeigefängnis interniert. Am 12. November 1938 wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, welches er am 28. November 1938 wieder verließ. Seine Flucht im Februar 1939 führte in gemeinsam mit Sohn Gerhard zunächst nach Belgien und 1940 weiter nach Frankreich. Hier wurde Kurt Löwenstamm aufgegriffen, interniert und über die Lager Gurs und Drancy am 4. September 1942 nach Auschwitz deportiert. Ein genaues Todesdatum ist nicht überliefert.

Wanda Oronowiczwanda or
Wanda Oronowicz wurde 1923 in Altenburg geboren, besuchte später die Gebrüder-Reichenbach-Schule und arbeitete anschließend in Leipzig in einem jüdischen Restaurant. Sie bereite über die „Hachschara“ ihre Emigration nach Palästina vor. 1940 weilte sie zu diesem Zweck in einer Ausbildungsstätte in Schlesien und nach dessen Schließung 1941 in Brandenburg. Am 14- März 1942 wurde sie von hier aus in ein Arbeitslager nach Paderborn verschleppt und von dort aus am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Die Frauen des Transports wurden dem Bericht eines Freundes von Wanda nach sofort nach der Ankunft nach Auschwitz-Birkenau überstellt und ermordet. Wanda Oronowicz vollendete nicht einmal ihr 20. Lebensjahr.

Max Rehfeldt
Der 1903 in Stuttgart geborene Max Rehfeldt kam um 1934 nach Altenburg. Zuletzt lebte er hier mit seiner christlichen Ehefrau im Haus der Familie Freilich Zeitzer Straße 21. Max Rehfeldt wurde im Zuge der Pogromnacht verhaftet und am 12. November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald überführt, welches er am 28. November 1938 wieder verlassen konnte. Am 1. April 1939 flüchtete der als Buchhalter tätige Max Rehfeldt nach Belgien und später weiter nach Frankreich. Hier wurde er interniert und am 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert. Er wurde in das Zwangsarbeits- und spätere Konzentrationslager Blechhammer in Oberschlesien verschleppt und Ende Januar 1945 im Zuge eines Todesmarschs in das Konzentrationslager Groß-Rosen evakuiert. Von dort aus gelangte er am 9. Februar 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald. Auch hier musste Max Rehfeldt Zwangsarbeit leisten. Max Rehfeldt ist neben Margot Seifert der einzige in Auschwitz nachweisbare Altenburger Jude, der die nationalsozialistische Terrorherrschaft überlebte. Er starb 1977 in Baden-Württemberg.

David Rosenbaum
Der 1897 in Solotwina bei Stanislau geborene David Rosenbaum lässt sich in Altenburg erstmals 1921 nachweisen. Später – der genaue Zeitpunkt ist nicht überliefert – emigrierte er nach Frankreich, wo er als Hutmacher tätig war. Zu einem nicht genau ermittelbaren Zeitpunkt wurde David Rosenbaum interniert und am 20. Mai 1944 aus dem Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert. Am 30. Januar 1945 kam David Rosenbaum – wohl im Zuge der Evakuierung des Lagerkomplexes von Auschwitz – im Konzentrationslager Mauthausen/Gusen (bei Linz) an, wo er am 13. März 1945 den Tod fand.

stolperst rotenbSonja und Edith Rotenberg
Sonja und Edith Rotenberg, 1930 und 1931 in Altenburg geboren, wurden im Zuge der Abschiebung ihrer Eltern und Geschwister im Oktober 1938 wegen des geringen Lebensalters von ihrer Familie getrennt und im Jüdischen Kinderheim Leipzig untergebracht. Sie sollten am 10. Mai 1942 in das Ghetto Belzyce bei Lublin deportiert werden, wurden aber von der Liste gestrichen. Dennoch konnten sie dem nationalsozialistischen Terror nicht entgehen. Am 13. Juli 1942 wurden sie mit den verbliebenen Kindern und der Heimleiterin nach Auschwitz deportiert und wahrscheinlich umgehend nach der Ankunft ermordet. Die Geschwister wurden nur elf bzw. zwölf Jahre alt.

Margot Seiferth, geb. Kohn
Margot Seiferth wurde 1913 in Altenburg als Margot Kohn geboren. Ihre Eltern waren später durch einen Eiergroßhandel und eine Lebensmittelhalle bekannt. 1933 heiratete sie den Christen Gerhard Seiferth. Später musste Margot Seiferth Zwangsarbeit im Rüstungsbetrieb HASAG leisten und wurde mehrfach verhaftet. Nach einer erneuten Verhaftung wurde sie am 9. August 1944 schließlich nach Auschwitz deportiert. Margot Seiferth musste unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten und wurde Anfang Dezember 1944 weiter nach Bergen-Belsen deportiert. Sie durchlief später noch das Buchenwald-Außenlager Raguhn (bei Dessau) und kam schließlich in das Theresienstädter Ghetto. In Theresienstadt erlebte sie die Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee mit und kehrte am 7. Juni 1945 nach Altenburg zurück. Neben Max Rehfeldt ist Margot Seiferth die einzige in Auschwitz nachweisbare jüdische Person, die das Jahr 1945 erlebte. Noch bis 1999 lebte Margot Seiferth in Altenburg, später in Klausa und zuletzt in Brandenburg. Sie starb vor zehn Jahren.

David Winer
Über den Kaufmann David Winer, der 1901 in Lodz zur Welt kam, ist nicht all zu viel bekannt. Er kam um 1930 nach Altenburg und bot kaufmännische Vertretungen an. Später – der genaue Zeitpunkt ist nicht überliefert – floh er über Belgien nach Frankreich. Er wurde verhaftet und im Sammellager Mecheln (Malines) interniert. Von hier aus wurde er am 15. September 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau Berenice, die er in der Emigration geheiratet hatte, ermordet.