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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Zum Jahrestag des Kriegsendes

Auch 66 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es angebracht, den "Tag der Befreiung" nicht unkommentiert an sich vorbeiziehen zu lassen. Denn auch heute noch sind Krieg und Terror, Intoleranz und Gewalt an der Tagesordnung. Der französische Schriftsteller Gabriel Marcel sagte dazu ganz passend, wie ich finde: "Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn".  Wenn man heute über Krieg oder Gewalt spricht, assoziiert man zuerst die Schrecken des Naziregimes mit den Begriffen. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn man sich die Bilanz des Naziterrors und des Zweiten Weltkriegs anschaut: über 50 Millionen Tote (Schätzungen gehen gar bis zu 80 Millionen), davon allein über 13 Millionen Opfer deutscher Massenverbrechen.

Und doch sollte uns der 8. Mai als Gedenktag nicht "nur" mit dem Zweiten Weltkrieg verbinden, denn auch heute noch werden auf der Welt grundlegende Menschenrechte missachtet, werden Kriege angezettelt und Terror ausgeübt. Der Sinn des 8. Mai muss uns also nicht nur in die Vergangenheit gerichtet sein, sondern unseren Blick auch auf die Gegenwart richten. Ein arabisches Sprichwort sagt "Schlagt eure Zelte weit voneinander auf, aber nähert eure Herzen" und das trifft den Kern der Sache doch ziemlich genau. Wir alle haben die Verantwortung, gegenüber Anderen Toleranz walten zu lassen.

Artikel 1 unseres Grundgesetztes spricht von der Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen und von der Verpflichtung, sich zu den unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten zu bekennen. Diese grundsätzlichen Bestimmungen sollten das Fundament des Handelns eines jeden bilden. Aber was bedeutet denn das so genau? Menschenwürde und Freiheit schützen, das heißt gleichzeitig, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus zu verhindern - ja, so gar zu bekämpfen. Es heißt, Verantwortung zu übernehmen - nicht wegzuschauen oder zu schweigen, wenn Unrecht geschieht.

Sicherlich muss die Politik zur Umsetzung der grundgesetzlich verbrieften Rechte einen Beitrag leisten, doch eine viel wesentlichere Rolle nimmt jeder Einzelne ein. Jeder kann und sollte etwas tun, um Toleranz und Menschlichkeit zu leben, ein positives Zeichen zu setzen. Toleranz ist der Dreh- und Angelpunkt. Wir dürfen unsere Welt nicht nur aus den eigenen Augen heraus betrachten, sondern auch die Sichtweise des Anderen zu verstehen versuchen.

Die Präambel der Verfassung der UNESCO bringt das Bekenntnis zum Frieden auf den Punkt "Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden".