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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Gedanken zur Präsentation des Projekts "Verblasste Spuren" zum heutigen Pogromnacht-Gedenken

Rede zur öffentlichen Präsentation von 221 Namen ehemaliger jüdischer Einwohner Altenburgs und ihrer Familien am 9. November 2012, 17.30 Uhr, auf dem Altenburger Markt:

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Altenburger,
liebe Schüler,

 

im Namen des Kommunalpolitischen Rings Altenburger Land möchte ich Sie recht herzlich zur Abschlussveranstaltung des Projekts „Verblasste Spuren“ begrüßen. Wir präsentieren heute 221 Namen ehemaliger jüdischer Einwohner unserer Stadt und ihrer Familien.

 

Vielleicht hat sich der ein oder andere gefragt, warum KORA dieses Projekt überhaupt initiiert hat. Gibt es doch Termine wie den Shoah-Gedentag am 27. Januar oder die jährlichen Gedenkstunden am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938. Hier erinnern wir doch an DIE ehemaligen jüdischen Einwohner. Und genau da liegt der Ansatz für unser Projekt: Wir gedenken DEN ehemaligen jüdischen Einwohnern. Doch wer sind denn DIE jüdischen Einwohner? Wem gedenken wir eigentlich? Dieser Frage ist KORA nachgegangen.

 

Nach über 2-jähriger intensiver Forschungsarbeit können wir heute auf einen Blick wesentliche Informationen zu den jüdischen Einwohnern vorlegen, die im Arbeitszeitraum 1933 bis 1945 in unserer Stadt gelebt haben. Neben den Namen und den Geburts- und Sterbedaten haben wir dort, wo es möglich war, auch Informationen zum Leidensweg ehemaliger Mitbürger unserer Stadt zusammengetragen. Auch nachdem die nationalsozialistische Terrorherrschaft und damit der Holocaust mittlerweile fast 70 Jahre beendet sind, war es leider nicht möglich, ein umfassendes Informationswerk vorzulegen. Immer noch klaffen Lücken in Lebensläufen, bleiben Schicksale jüdischer Einwohner Altenburgs im Dunkeln.

 

Wenn Sie sich die Daten auf diesem Banner durchlesen, werden Sie feststellen, dass es bislang nicht einmal gelungen ist, alle Spuren jüdischen Lebens in Altenburg nachzugehen. Und doch hat eine sorgsame Recherche einen großen Teil der Informationslücken in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und sogar Tagen füllen können. Noch am Tag der Druckfreigabe habe ich neueste Daten erhalten und noch einfügen können. Und so muss konstatiert werden, dass vor uns kein fertiges Werk liegt, einige der verblassten Spuren müssen noch ins Licht zurückgeholt werden. KORA will mit seinem Projekt DIE ehemaligen jüdischen Einwohner aus der Anonymität holen, will Ihnen ihren Platz in der Gemeinschaft der Altenburger zurückgeben.

 

Lassen Sie mich bitte ein paar statistische Daten vortragen. Manchmal sind es doch die trockenen, nüchternen Zahlen, die ein emotionales Thema wie dieses erst greifbar machen:

 

Von den 221 auf diesem Banner genannten Personen haben nach Kriegsende 1945 gerade noch 18 hier gelebt. 106 der ehemaligen jüdischen Einwohner wurden ermordet, 90 mussten ihre Heimat Altenburg verlassen und kehrten nicht oder nur kurz zurück. Vom Schicksal fünf ehemaliger Altenburger Juden haben wir bislang keine Kenntnis. Acht Altenburger Familien wurden durch den Holocaust vollständig ausgelöscht. Von vielen Familien haben nur ein oder zwei Familienmitglieder überlebt. Von den 71 Kindern, die im Jahr der Pogromnacht maximal 18 Jahre alt waren, wurden 30 ermordet, 40 mussten fliehen, von einem weiteren sind keine gesicherten Erkenntnisse vorhanden. Von den 210 im Arbeitszeitraum 1933 bis 1945 in Altenburg lebenden Juden hat also nicht einmal die Hälfte den Holocaust überstanden. Lediglich 14 kehrten überhaupt in die alte Heimat zurück.

 

Das von KORA entworfene Banner versucht, wesentliche Informationen zu den ehemaligen jüdischen Einwohnern in gestraffter Form anzubieten, um so zumindest einen Überblick zu ermöglichen. Die Daten auf dem Textilband sind so aufgebaut, dass zunächst das jüdische Familienoberhaupt genannt ist, danach sein Ehepartner und folgend die Kinder in aufsteigendem Geburtsjahr. Wir haben uns entschieden, in das Banner nur Personen aufzunehmen, deren Aufenthalt in Altenburg im Zeitraum 1933 bis 1945 gesichert nachgewiesen ist.

 

Die Datensammlung enthält auch nicht-jüdische Lebenspartner von Juden sowie nicht-jüdische Kinder, da die Familienverbände im Gesamten vom Holocaust betroffen waren.

 

Wir wollen das Pogromnacht-Gedenken in diesem Jahr nutzen, um den 221 Personen auf dem Banner in besonderer Art und Weise zu gedenken. Im Anschluss werden wir die Namen der Personen auf diesem Banner verlesen und für jeden von ihnen eine Kerze entzünden. Aufgrund der Fülle der Namen haben wir uns entschieden, das Verlesen nach Familienverbänden vorzunehmen. Bevor wir zur Verlesung der Namen kommen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, den Unterstützern und Beteiligten dieses Projekts zu danken. An erster Stelle nennen möchte ich dabei Ingolf Strassmann, der seit langer Zeit in regem Kontakt mit mir steht und die Erstellung dieser Datensammlung durch seine aufopferungsvolle Unterstützung erst möglich gemacht hat. Ihm gebührt deshalb großer Dank. Leider kann Ingolf Strassmann, der heute in München lebt, leider nicht anwesend sein. Selbstverständlich möchten wir uns beim Freistaat Thüringen, dem Landkreis Altenburger Land sowie dem Begleitausschuss für den Lokalen Aktionsplan Altenburger Land unseren Dank aussprechen, die das Projekt großzügig unterstützt haben.

 

Große Freude bereitet hat uns auch das Schulprojekt mit den Schülern aus dem Friedrichgymnasium und der Gemeinschaftsschule Erich Mäder, die mit viel Engagement bei der Sache waren. Ihnen sowie den Schulleitern und Lehrer gebührt großer Dank. Last but not least war Brita Müller-Weiske eine großartige Unterstützerin des Projektes, die mit Tatkraft und Einsatz das Schulprojekt „Anne Frank war nicht allein“ und auch die heutige Veranstaltung mit organisiert hat. Ihr und allen weiteren Helfern der heutigen gilt unser Dank.

 

Doch nun ist es an der Zeit, dass wir den ehemaligen jüdischen Einwohnern Altenburgs unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Holen wir sie in unsere Gemeinschaft zurück, in dem wir das Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 nicht nur als gesellschaftliches Ritual, sondern gelebte Erinnerungskultur begreifen.

 

Vielen Dank.

 

(Hinweis: Ein ausführlicher Bericht folgt später...)