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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Vor 85 Jahren: Der "Judenboykott"

Schon seit den 1920'er Jahren hatte sich im Deutschen Reich eine antijüdische Boykottbewegung gebildet, die insbesondere unter Julius Streicher, 1923 Begründer des nationalsozialistischen Hetzblatts "Der Stürmer" als Leiter des "Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Gräuel- und Boykotthetze" eine landesweite Bedeutung erfahren sollte.

Für den 1. April 1933 hatten die Nationalsozialisten die Deutschen zu einem Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien aufgerufen. Ziel war es, den Boykott ab dem 1. April 1933 bis zur "Kapitulation der Auslandspresse" durchzuführen, die nach Auffassung der Nationalsozialisten eine "Gräuelpropaganda" gegen Nazi-Deutschland betrieben. Der zentral gesteuerte "Judenboykott" wurde von lokalen "Aktionsausschüssen" vorbereitet, die zielgerichtete Maßnahmen für die jeweiligen Regionen umsetzen wollten.

boykottaufruf1933Auch im Altenburger Land gab es solche "Aktionsausschüsse". In Altenburg rief der dortige "Aktionsausschuss" mit einem Zeitungsinserat zu einem Aufmarsch und einer Massenkundgebung am 31. März 1933 auf, der den Boykott einläuten sollte. Um 19.30 Uhr sollten sämtliche SA- und Stahlhelm-Formationen, Innungen, der Einzelhandel und der gesamte Mittelstand an der "Hindenburgpromenade" (Teichpromenade) zu einem Aufmarsch versammeln, der von einer öffentlichen Massenkundgebung im "Preußischen Hof" ("Konzert- und Ballhaus", Teichstraße 4) begleitet wurde.

Aus Zeitungsberichten ist überliefert, dass der angekündigte Aufmarsch über eine Stunde durch Altenburgs Straßen verlief. Der Lehrer Walter Panzer, Mitglied des "Aktionsausschusses", verkündete für den folgenden Tag, den Beginn des geplanten Boykotts: "Am 1. April, Bismarcks Geburtstag, steht die SA in eiserner Disziplin, aber in unerbittlicher Strenge vor den Eingängen der jüdischen Geschäfte. Die Namen derer, die versuchen, ein jüdisches Geschäfts zu betreten, werden festgestellt und veröffentlicht." Zur Situation in Altenburg sprach er weiter: "Der Jude hat es zuletzt verstanden, die ganze Obrigkeit zu beherrschen, auch bei uns in Altenburg. Hier musste man auch den Skandal mit ansehen, dass deutsche Kinder beim Juden Weihnachten feierten [Anm. d. A.: Gemeint ist das Kaufhaus "M.& S. Cohn"]. Als ob der Jude aus Barmherzigkeit Kinder speiste. (…) Der Boykott richtet sich nicht nur gegen Geschäfte, er richtet sich auch ebenso gegen jüdische Rechtsanwälte; er geht auch die jüdischen Lehrer an, und nicht nur solche, die Rassejuden sind, sondern auch solche, die mit einer Jüdin verheiratet sind [Anm. d. A.: Eine Anspielung auf Kurt Holzhausen, der mit einer Nichte Marianne Buckys verheiratet war.]. Es wird auch nicht mehr vorkommen, dass ein Jude in einer deutschen Kirche Geige spielt [Anm. d. A.: Gemeint ist Felix Freilich.].". Es folgten eine Reihe weiterer direkter Angriffe auf Juden der Skatstadt und gipfelte in dem Boykottaufruf, der am 1. April 1933, 10 Uhr, beginnen sollte.

mscohnAm 1. April fanden nachweislich in Altenburg, Meuselwitz und Schmölln – vermutlich aber auch in Rositz – entsprechende Boykottmaßnahmen statt. In Altenburg war insbesondere die Sporenstraße, in der neben dem Kaufhaus "M. & S. Cohn" (Familie Bucky/Levy) auch "Nordheimer´s Schuhwarenhaus" (Familie Blank) und das "Schuh-Haus Dannemann" (Familie Dannemann), Gegenstand des Interesses. Der gesamte Straßenzug war über und über mit Menschen, wobei die uniformierten SA-Kräfte mit ihren Schildern stark in der Unterzahl waren. Es gab aus der Menge Pfui- und Freiheit-Rufe gegen die nationalsozialistischen Schergen sowie eine allgemein solidarische Grundstimmung mit den jüdischen Geschäftsinhabern. Weniger Andrang gab es bei "M. Kaiser" (Albert Levy) und dem "Schuhhaus Löwenstamm" (Kurt Löwenstamm) auf dem Markt, oder bei "Konys & Kruschke" im Haus Baderei 1, Nachfolgegeschäft von "Wohlwert" mit jüdischen Gesellschaftern. Keine Überlieferungen gibt es für die Geschäfte der Familien Goldberg am Kornmarkt 21, dem Topfmarkt 1 und der Baderei 12 sowie der "Isaak Rotenberg & Co. OHG (Familien Rotenberg/Liebermann) am Topf- und Kornmarkt sowie der Teichstraße, wenngleich es durchaus möglich ist, dass die genannten Geschäfte wegen des Sabbat gar nicht geöffnet hatten. Da die meisten anderen jüdischen Familien aus ihren Wohnungen heraus Handel betrieben, kam hier der Boykott ebenfalls nicht zum Zug.

khfruchtmannIn Meuselwitz beschäftigte sich die Polizei bereits vor Beginn der Boykottmaßnahmen mit dem Sachverhalt. In einer Dienstberatung wurde klar verordnet "Misshandlungen von Personen und Ansammlungen aller Art, namentlich vor jüdischen Geschäften, sind mit aller Schärfe zu verhindern". Der Boykott richtete sich dort vorrangig auf das Kaufhaus "Jacob Fruchtmann", das Schuhgeschäft "S. Hausmann", das Strumpfgeschäft von Isak Katz und das Schuhgeschäft "J. Leschziner" (Familie Pick) in der Bahnhofstraße sowie das Rohproduktengeschäft von Leib Rubin in der Heymer-Pilz-Straße. Auch in Meuselwitz war der Boykott von Protest begleitet. So hatten sich Angehörige des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold" vor dem Fruchtmann´schen Geschäft versammelt, um es zu schützen. Gegen 15.45 Uhr war der Boykott in Meuselwitz, bei dem 13 Menschen in polizeilichen Gewahrsam genommen wurden, beendet. Insgesamt blieb die Lage in Meuselwitz sehr ruhig.

gottliebFür die Stadt Schmölln gibt es nur wenige Hinweise auf den "Judenboykott". Bekannt ist, dass das Kaufhaus "S. Gottlieb & Co." sowie das "Kräutergewölbe" (Drogerie von Johannes Langer) am Markt und das Textilwarengeschäft "M. Tondowski" (Familie Lipinski) in der Bahnhofstraße von den Boykottmaßnahmen betroffen waren. Auch in Schmölln standen uniformierte Kräfte mit Schildern vor den jeweiligen Geschäften.


Wie in allen Teilen Deutschlands war der "Judenboykott" weitgehend ohne Erfolg geblieben, in Altenburg und Meuselwitz gab es nachweislich eine letzte große Solidarisierungsbewegung mit den jüdischen Nachbarn. Der ausbleibende Erfolg der Boykottmaßnahmen veranlasste die Nationalsozialisten, den "Judenboykott" am Abend des 1. April 1933 "auszusetzen", drei Tage später wurde er für beendet erklärt. Trotz des Misserfolgs zeigte der "Judenboykott" die klare Zielrichtung der Nationalsozialisten auf, nur wenige Tage später begann mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" die gesetzliche Ausgrenzung von Juden, die in den nächsten Monaten und Jahren immer weiter an Ausmaß und Schnelligkeit zunahm. Erste jüdische Einwohner des Altenburger Landes erkannten die Zeichen die Zeit und bereiteten ihre Ausreise vor. Wer blieb oder bleiben musste, gefährdete zunehmend Hab und Gut, Gesundheit und Leben.

Christian Repkewitz

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