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Verblasste Spuren

Obermayer German Jewish History Award 2015 

Eine unter Millionen: Wanda Oronowicz (1923-1943)

wanda orAm heutigen 21. Februar würde Wanda Oronowicz ihren 95. Geburtstag feiern. Doch die in Altenburg geborene junge Frau wurde kurz nach ihrem 20. Geburtstag in Auschwitz ermordet. Sie ist eine von vielen, viel zu vielen.

Am 21. Februar 1923 erblickte Wanda Oronowicz in Altenburg als Tochter des Händlerehepaars Markus und Regina Oronowicz das Licht der Welt. Sie war das zweite Kind des Ehepaares, nachdem eine erste Tochter 1922 nicht einmal einmonatig verstarb. Die Familie, zu der in den Jahren 1924 bis 1931 noch die Geschwister Charlotte, Leo Nathan, Margarethe und Hans Naftali kamen, lebte im Haus Pauritzer Straße 27. Wanda besuchte von 1929 bis 1933 die Neustadtschule (heute Sitz des Bauamts) und danach bis 1937 den Mädchenteil der Gebrüder-Reichenbach-Schule. Dort war sie nach den Schilderungen einer Klassenkameradin als "liebes Mädchen, sehr schlau, im Rechnen sehr gut" bekannt. Nach der Beendigung der Volksschule begann Wanda in Leipzig eine Ausbildung in einem Café.

Am 28. Oktober 1938 – vor 80 Jahren – wurde die Familie Oronowicz von der so genannten "Polenaktion" erfasst. Die gesamte Familie wurde am frühen Morgen des 28. Oktober 1938 in der Wohnung festgesetzt und später in das Polizeigefängnis am Markt gebracht, wo sie bis zum frühen Abend mit anderen Leidensgenossen ausharren mussten. Sodann wurden sie zum Bahnhof und mit dem Zug weiter nach Leipzig gebracht. Dort standen bereits Sonderzüge bereit, die zahlreiche Juden aus der gesamten Region für die Abschiebung über die deutsch-polnische Grenze bei Beuthen (Bytom) sammelten. Die Familie Oronowicz kam in Beuthen zusammen mit anderen kinderreichen Familien in einem Saal (in anderen Quellen einer Synagoge) unter und konnten am 31. Oktober 1938 schließlich nach Altenburg zurückkehren. Ein Grund war wohl, dass Markus Oronowicz nicht die polnische Staatsangehörigkeit besaß und von den polnischen Behörden mit seiner Familie nicht eingelassen wurde.

Wandas Vater wurde im Zuge der nur kurz darauf erfolgten Pogromnacht am Morgen des 10. November 1938 erneut zu Hause aufgegriffen und zum Marktplatz getrieben, schließlich in Polizeigewahrsam – der so genannten "Schutzhaft" – genommen. Er wurde noch am selben Tag wieder entlassen. Man wollte den Familienvater mit dieser Maßnahme zu einer freiwilligen Ausreise bewegen, die im folgenden Jahre auch stattfand. Markus Oronowicz ging allein nach Polen, um einen sicheren Platz für seine Familie zu finden und Wandas Schwester Charlotte entkam mit einem Kindertransport nach England. Wanda konnte 1940 einen Platz in einer Ausbildungsstätte für die Ausreise nach Palästina in Oberschlesien ergattern. Nach der Schließung dieses Lagers ging sie mit ihrer Gruppe in das Gut Skaby in Brandenburg, das ebenfalls eine Ausbildungsstätte der "Hachschara" war.

Doch die bereits sicher geglaubte Ausreise nach Palästina kam nicht mehr zustande: Die junge Frau wurde nur wenige Tage nach ihrem 19. Geburtstag, am 14. März 1942, in das "Arbeiteinsatzlager Paderborn" verschleppt und befand sich nun in den Fängen der nationalsozialistischen Häscher. Ein Entkommen aus dem Lager gab es nicht und am 2. März 1943, kurz nach Wandas 20. Geburtstag, wurde sie mit 546 anderen Leidensgenossen nach Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft des Transports am darauf folgenden Tag wurden 61 Männer für die Zwangsarbeit in Auschwitz-Monowitz aus der Gruppe ausgewählt, alle anderen wurden umgehend nach der Selektion ermordet. Auch Wanda Oronowicz, gerade einmal 20 geworden, fiel vor 75 Jahren dem nationalsozialistischen Terrorregime zum Opfer.

Ihre Mutter und die verbleibenden Geschwister waren am 10. Mai 1942 in das Ghetto Belzyce bei Lublin verschleppt und im selben Jahr ermordet worden. Vater stolperstein pauri27 webMarkus konnte sich im Ghetto Drohobycz, im Zwangsarbeitslager der Beskiden Öl AG in Drohobycz und schließlich auf der Flucht durch die Zeit des NS-Terrors retten. Nur er und Tochter Charlotte überlebten diese dunklen Tage.

Das Schicksal Wanda Oronowiczs ist eines von vielen Juden des Altenburger Landes. Die drei markanten Jahrestage aus dem Leben und Leiden der Altenburgerin bilden eine besondere Möglichkeit, an Wanda Oronowicz zu erinnern. Die Erinnerung an sie steht stellvertretend für unzählige andere Schicksale.


Christian Repkewitz

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